GEGEN INTEGRATION UND AUSGRENZUNG
DISKUSSIONSVERANSTALTUNG ZU SOZIALCHAUVINISMUS UND DER KULTURALISIERUNG SOZIALER KONFLIKTE.
Mit der Gruppe Kritik und Intervention.

Donnerstag, 02.06.2011 | 19:00 Uhr | Bürgerwache Bielefeld (Rolandstraße 16/Siegfriedplatz) | Saal

Im Zuge der aktuellen Krise der kapitalistischen Verwertung waren und sind zahlreiche kulturalistische und sozialchauvinistische „Krisenbegründungen“ zu vernehmen. Von „faulen Pleitegriechen“ über die „schmarotzenden“ Empfänger staatlicher Zuwendungen bis zu ganzen Stadtvierteln, die sich durch eine „Mentalität“ der „Integrationsunwilligkeit“ auszeichnen – da ging einiges!
Das prominenteste Beispiel der jüngeren Zeit ist das viel zitierte Buch des Herrn Sarrazin, das in der medialen Debatte zur richtigen Zeit den einen einfache Antworten, den anderen Reibungsfläche zur Darstellung der eigenen Position um das „best practise“ einer gut funktionierenden Marktwirtschaft bot. Sich selbst als mutigen Tabubrecher inszenierend, erntete er für seine Aussagen auf der einen Seite weitgehenden Zuspruch; andererseits hatten auch seine Kritiker wenig Substanzielles an seinen Positionen auszusetzen. Die Probleme, die er anspricht, seien real und die „politischen Herausforderungen unserer Zeit“. Allein seine Wortwahl sei inakzeptabel; die Frage aber, wie das scheinbar nutzlose Humankapital zu integrieren sei, genau richtig. Sein bisweilen plumper Rassismus erfährt gerade da den Einspruch seiner Kritiker, die „andere Kulturen“ als „Bereicherung“ erkennen – „GreenCard-Computerinder“ sind selbstverständlich ökonomisch wertvoll und deshalb auch herzlich willkommen! Besonders schön gelungene Integrations-biographien werden dann auch gerne mit dem Integrationsbambi geehrt. Vielen Dank für die Blumen.
Einig sind sich Sarrazin, Bundesregierung und Opposition aber darüber, dass etwas geschehen muss mit denjenigen, die dieser Gesellschaft „keinen Nutzen“ bringen. Bei den dafür bemühten Erklärungsansätzen wird das individuelle Scheitern kulturalistisch und sozialchauvinistisch begründet. Nützlich für diese Gesellschaft ist, wer integriert ist, also möglichst wenig auf- und zur Last fällt. Nicht integriert oder nicht integrierbar sind diejenigen, welche sich nicht am Arbeitsmarkt verkaufen konnten und dann noch so frech sind und nicht die Füße stillhalten. Das gilt für „integrationsunwillige Migrant_innen“ ebenso wie für „faule“ Hartz IV Empfänger_innen, die nicht bei allen Maßnahmen sofort spuren, die ihnen aufgezwungen werden. Der altbekannte, völkische Rassismus erfährt eine Transformation: nicht die „Abstammung“ im Sinne biologischer bis ethnischer Herkunft, sondern im Sinne „kultureller Gepflogenheiten“ muss herhalten zur Erklärung der Frage, warum gerade Menschen mit Migrationshintergrund in der Konkurrenz regelmäßig unterliegen. Zudem ist man sich einig darüber, dass auch im „eigenen Kulturkreis“ eine „Mentalität der Arbeitsunwilligkeit“ herrscht, die es sich spätrömisch-dekadent in der sozialen Hängematte gemütlich macht.

Um eine Bestandsaufnahme im Thema zu machen, möchten wir euch zu einer offenen Diskussion um die gesellschaftspolitischen Hintergründe der Debatte und die Motive derer, die sie führen, einladen. Was ist neu daran, was alt? Wie unterscheiden sich völkisch-biologistischer und ökonomistischer Rassismus bzw. Sozialchauvinismus?

Die Veranstaltung wird organisiert von der Gruppe Kritik und Intervention.

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