They were not silent!

They were not silent!
Die jüdische Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung in den USA und ihr Kampf gegen NS-Faschismus und Holocaust
Vortrag / Filmvorführung / Diskussion mit Martin Schmitt

21.11.2012 | 19:30 Uhr
Hörsaal 13 | Universität Bielefeld

Als Hitler 1933 an die Macht kam, nahm kaum jemand die Gefahren ernst, die vom Antisemitismus der Nazis ausgingen – weder innerhalb noch außerhalb Europas. Anders die stark durch osteuropäische Einwanderer geprägte jüdische Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung in New York City: Mit Demonstrationen und Kundgebungen, Aktionen und Kampagnen wurde versucht, die amerikanische Öffentlichkeit über die Vorgänge in Deutschland zu informieren, gegen die einsetzende antisemitische Ausgrenzung und Verfolgung zu protestieren und insbesondere die amerikanische Arbeiterschaft zur aktiven Unterstützung des antifaschistischen Kampfes zu motivieren. Verschiedene gewerkschaftliche, sozialdemokratische, sozialistische und arbeiterzionistische Gruppierungen schlossen sich daraufhin im „Jewish Labor Comittee” (JLC) zusammen, um eine entschiedene antifaschistische Haltung in die zum Isolationismus neigende amerikanische Arbeiterschaft hineinzutragen. Nach dem Ausbruch des Krieges galt es für das JLC, bedrohten Sozialisten und Gewerkschaftern aus Europa die Flucht in die USA zu ermöglichen. Nur dank umfangreicher Spenden und der beherzten Hilfsbereitschaft der amerikanischen Arbeiterbewegung konnte auf diesem Weg zur Rettung von unzähligen Menschen beigetragen werden. Als schließlich erste Berichte über die systematische Vernichtung von Juden in den von Nazideutschland okkupierten Ländern Osteuropas die USA erreichten, begann das JLC damit, jüdische Partisanen- und Untergrundgruppen in u. a. Polen und der Ukraine mit Geld und Waffen zu unterstützen – so beispielsweise auch im Vorfeld des Aufstandes im Warschauer Ghetto 1943.

Der im Jahr 1998 im Auftrag des Robert F. Wagner Archivs (New York University) produzierte, in Europa unbekannte Dokumentarfilm erzählt eine in deutschen Museen, Schulbüchern und Fernsehsendungen ignorierte Geschichte: Die Geschichte vom aktiven Kampf der jüdischen und amerikanischen Arbeiterbewegung gegen Nazifaschismus und Holocaust. Der Film (30 min, in englischer Sprache) wird erstmals mit deutschen Untertiteln gezeigt.

Einleitender Vortrag und anschließende Diskussion mit Martin Schmitt, Mitherausgeber der Neuedition von Alexander Steins kritischer Analyse des nationalsozialistischen Antisemitismus in »Adolf Hitler, Schüler der ‚Weisen von Zion‘« (ça ira 2011).

Den Wald vor lauter Bäumen sehen. Was eine Kritik des Nationalsozialismus nicht vergessen darf

Von [association critique] und Heinz Gess. Erschienen in: kritiknetz – Zeitschrift für kritische Theorie der Gesellschaft (2012).

Am 24. Dezember 2011 demonstrierten in Bielefeld etwa 80 Neonazis gegen das hiesige autonome Zentrum. Über 5.000 Gegendemonstrant_innen, die sich sowohl aus dem bürgerlichen als auch dem linken Spektrum zusammensetzten, versammelten sich größtenteils vor dem Arbeiter_innenjugendzentrum (AJZ) und sahen durch die Polizeiketten zu, wie die Neonazis unbehelligt ihre Demonstration unter dem Motto Der Repression entgegentreten – AJZ dicht machen vollzogen. Ganz anders hatte sich die Situation noch im August 2011 dargestellt, als 150 Neonazis unverrichteter Dinge ihren Heimweg hatten antreten müssen, nachdem ihnen von nur etwa 500 Gegendemonstrant_innen der Weg blockiert worden war. Trotz eklatanter zahlenmäßiger Überlegenheit der Nazigegner_innen scheiterte im Dezember also überraschend eine Blockade, deren Erfolg von nahezu allen Beteiligten vorausgesagt worden war. So enttäuschend die missglückte Gegendemonstration am 24. Dezember aber auch war, so wenig will sich dieser Text den möglichen Ursachen der gescheiterten Blockade widmen. Vielmehr bezieht er sich auf die Inhalte unterschiedlicher Aufrufe zu den Gegenaktivitäten, die im Vorfeld Menschen zu ›mobilisieren‹ suchten. Denn in Anbetracht der historisch folgenreichen Ideologie und Praxis, welche sich die demonstrierenden Neonazis zu eigen gemacht haben, erscheinen die in den Aufrufen vorgebrachten Analysen verkürzt und ihrem Gegenstand mitunter nicht nur wenig angemessen, sondern diesen stark verzerrend.
Während sich die Stellungnahme des Arbeiter_innenjugendzentrums (AJZ) vor allem mit dem Haus selbst beschäftigte, gegen das die Nazis demonstrierten, befasste sich der knappe Aufruf des „Bielefeld stellt sich quer!“-Bündnisses in erster Linie mit dem Anmelder der Neonazi-Demonstration und skandalisierte unter anderem dessen Verbindungen zur Zwickauer Terrorzelle ›Nationalsozialistischer Untergrund‹. Dass gerade am ›Fest der Liebe‹ Neonazis in Bielefeld marschieren wollten, war für das Bündnis nicht hinnehmbar. Man wollte daher ein Zeichen setzen für das Miteinander und „gegen Neonazismus, Rassismus und Antisemitismus.“ Der ausführlichere Aufruf von nazistopping.de, der im Folgenden zentraler Gegenstand unserer Auseinandersetzung ist, hingegen versuchte, den Nationalsozialismus zu kritisieren und setzte sich dafür mit „zwei zentrale[n] Elemente[n] dieses Konzeptes [sic!]“ auseinander. Für die Autor_innen waren das: Nationalismus und Rassismus. Antisemitismus fand dabei keine Erwähnung.
Der Aufruf bringt es also fertig, vom Nationalsozialismus zu reden und von der Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden zu schweigen. Wer aber vom Nationalsozialismus spricht, ohne ein Wort über den ihm immanenten und für ihn konstitutiven Vernichtungsantisemitismus zu verlieren, formuliert keine angemessene Kritik des Nationalsozialismus. Denn „[k]eine Analyse des Nationalsozialismus, die nicht die Vernichtung des europäischen Judentums erklären kann, wird ihm gerecht.“ (Postone 2005: 166f.)
Hat man sich die Aufrufe gegen die Nazidemonstration einmal näher angesehen, bemerkt man die schwerwiegenden begrifflichen Verwirrungen, die sie durchziehen. So wird weder der Faschismus vom Nationalsozialismus unterschieden noch beide von der bürgerlichen Gesellschaft. Ferner legen die Formulierungen nahe, dass auch keine grundlegende Differenz zwischen Antisemitismus und Rassismus gesehen wird, die es aber gibt. Solche Unterscheidungen sind keine bloße Wortklauberei. Sie sind entscheidend dafür, ob es gelingt, Herrschaft und Gewalt zu benennen und auf ihre Abschaffung hinzuwirken. Um dem Schlamassel zu entkommen, stünde eine ausführliche Arbeit am Begriff an. In einem bereits von uns verfassten und auf der Gegendemonstration am 24.12.2011 verteilten Flugblatt stellten wir einige Thesen darüber auf, welche Aspekte des Nationalsozialismus eine solche Arbeit zu beachten hätte und problematisierten, dass fatalerweise zentrale Merkmale des Nationalsozialismus und seiner Ideologie der Vernichtung ignoriert sowie verdeckt werden und dadurch letztlich in Vergessenheit geraten. Mit dem hier vorliegenden Text möchten wir diese Punkte ausführen. Zwar können wir auch an dieser Stelle eine ausführliche Analyse des Nationalsozialismus sicherlich nicht entfalten, aber so doch wenigstens mit Bezug auf die Aufrufe gegen den Naziaufmarsch im Dezember letzten Jahres verdeutlichen, wovon eine emanzipatorische Kritik des Nationalsozialismus nicht schweigen darf.

Für den vollständigen Artikel hier klicken.

Warum können Marxisten nicht lesen?

Warum können Marxisten nicht lesen?
Der Anfang des Marxschen “Kapital” und das Ende des Kapitalismus
Vortrag und Diskussion mit Joachim Bruhn

24.05.2012 | 19:00 Uhr
Hörsaal 13 | Universität Bielefeld

Die Marxisten aller Fraktionen haben es sich darauf versteift, „Das Kapital“ von Marx als alternatives Handbuch der Volkswirtschaftslehre lesen zu wollen und sodann zu ihrem höchst eigenem Nutzen zu bewerben. Am allerliebsten diskutieren sie die Frage, die ihnen die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ pünktlich zu Beginn der neuesten Krise vorgelegt hat: „Hat Marx doch recht?“ Wenn sie derart nachgefragt werden, dann läuft nicht nur Sahra Wagenknecht zu großer Form auf, dann sind sie alle in ihrem Element: dem Rechthaben über die gesellschaftliche Organisation des größtmöglichen Unglücks der größtmöglichen Zahl, und d.h.: dem Wahrsagen einer Vergesellschaftung, die doch an sich die Widervernunft schlechthin darstellt.
Seit Karl Kautsky und Elmar Altvater, seit W. I. Lenin und Michael Heinrich (der sogar das Unmögliche wirklich hat werden lassen, indem er eine „Wissenschaft vom Wert“ verfaßte), gefallen sich die Marxisten als gemeinnützige Interessenvertreter, gar: als Avantgarde einer ominösen „Arbeiterklasse“, wofür sie gerne, als kleine Aufwandsentschädigung, einen gewissen politischen, v.a. aber akademischen Mehrwert einstreichen und sich auf Veranstaltungen von „Marx21“ oder Kongressen wie „Rethinking Marx“ spreizen. Sie peublieren die ideologischen Staatsapparate, gerne auch auf Almosen der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Und sie tun dies, indem sie – was von Friedrich Engels vielleicht noch als müdes Witzchen gemeint war, als er den Proletarier_Innen „Das Kapital“ als die „Bibel der Arbeiterklasse“ verkaufen wollte – als erstes den Untertitel des Marxschen Buches totschlagen, der ja, wie unsachlich, die „Kritik der politischen Ökonomie“ ankündigt. So beugen sie sich über „Das Kapital“ wie die Scholastiker über die Bibel, bewerfen sich mit Zitaten und haben überhaupt ihr grausiges Spaßvergnügen daran, die von Marx intendierte sozialrevolutionäre Kritik zur akademischen Theorie und zur Wissenschaft vom Wert zu verharmlosen, d.h., wie Adorno diesen Unfug nannte, zum Truppenübungsplatz „scharfsinniger Rindviecher“, die darum wetteifern, wie „der Wert“ am pfiffigsten aus „der Arbeit“ abgeleitet werden kann.
Daher greift, lange bevor die Interpretationen in aller, wie immer ganz unschuldiger Originalitätssucht sich überbieten, unter den Marxisten der Analphabetismus um sich: kaum einer, der nicht behauptet, Marx beginne seine „Analyse“ mit der „Elementarform“ der Ware. „Überlesen“ wird so, daß der Materialismus das der „Analyse“ Vorausgesetzte, dessen gesellschaftliche Konstitution, kritisiert, und erst dann der totalitären Entfaltung der Widervernunft hinterherdenkt; „überlesen“ wird außerdem, daß Marx „Das Kapital“ keineswegs mit der Ware anfängt, daß der erste Satz des Buches vielmehr lautet: „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung’, die einzelne Ware als seine Elementarform.“ Indem Marx mit dem Reichtum beginnt, der als das gerade Gegenteil seiner selbst gesellschaftlich zu „erscheinen“ genötigt ist, wird zugleich gezeigt, daß das Ende und die Aufhebung des Kapitals, d.h. seine Wahrheit, kein Gegenstand von Theorie sein, daß es keine Wahrheit über das Kapital geben kann. Es sei denn, die Marxisten verschreiben sich ihrem liebsten Sport, den Karl Kraus einmal so definierte: „Deutsch fühlen, aber nicht können.“

Es spricht Joachim Bruhn (Freiburg), Co-Autor des Buches „Das Konzept Materialismus“ der Initiative Sozialistisches Forum und Mitherausgeber des Bandes „Rote Armee Fiktion“ (Ca ira-Verlag).

Kritik der Kulturindustrie

Kritik der Kulturindustrie, 5.5.2012

Kritik der Kulturindustrie

Samstag, 05.05.2012

AlarmTheater
Gustav-Adolf-Straße 17
33615 Bielefeld

Andrea zur Nieden (14-16 Uhr)
GeBorgte Identität. Star Trek als kulturindustrielle Selbstversicherung des technisierten Subjekts

Melanie Babenhauserheide (16-18 Uhr)
Harry Potters Lehrer Gilderoy Lockhart als Hochstapler in Verteidigung gegen die dunklen Künste der Schönheit und der Kulturindustrie.

Sonja Witte (20-22 Uhr)
Guck Dich glücklich! Der unbewusste Wunsch zwischen Ton und Bild in der Kulturindustrie

Zur Kritik der Kulturindustrie

„So daß man einfach versucht, zunächst einmal überhaupt das Bewußtsein davon zu erwecken, daß die Menschen immerzu betrogen werden […].“ (Theodor W. Adorno)

Ist von Kulturindustrie die Rede, denkt man unweigerlich zunächst an schlechte Fernsehserien, pompöse Kinospektakel oder hirnerweichende Schlagerveranstaltungen. Und sicherlich nicht ganz zu Unrecht. Wäre damit aber die Sache schon erschöpfend erfasst, wären ihre Zumutungen einigermaßen leicht zu ertragen: Man müsste einfach nicht mehr hinhören oder hinschauen. Aber Kulturindustrie, wie Adorno und Horkheimer sie bestimmen, geht stets aufs Ganze. Sie verlötet geistige Freiheit mit ökonomischer Notwendigkeit, Produktion mit Konsumtion und lässt dabei keinen Gegenstand unbearbeitet und keinen Konsumenten unerfasst. Inmitten der entfremdeten Gesellschaft suggeriert sie intime Nähe: Sie versorgt die Subjekte mit jenem Weltbezug, ohne den sie als vereinzelte Einzelne zugrunde gingen. Ihr heimliches Motto – »für jeden wird gesorgt« – ähnelt darum nicht zufällig dem des autoritären Sozialstaats.
Falsch ist daher das verbreitete Vorurteil, Kritik der Kulturindustrie sei das Ressentiment von elitären Bildungsbürgern, die kein Verständnis für die Erholungsbedürfnisse der Massen, gar die ›subversiven Potentiale‹ der Massenkultur zeigten. Es ist vielmehr die Kulturindustrie selber, die den Massen den Spaß nicht gönnt. So, wie sie noch das Ernsteste zum Freizeitvergnügen stempelt, lässt sie umgekehrt Vergnügen nur dort passieren, wo es mit den höheren Weihen des Bildungsauftrags versehen ist. Ihr Terrain ist eben das Mittlere: die Mittelmäßigkeit des Kleinbürgers, in der weder Geist noch Lust zu ihrem Recht kommen.
Anhand von drei Vorträgen soll die Kritik der Kulturindustrie nachvollzogen und zur Diskussion gestellt werden. An konkreten Beispielen wird gezeigt, was sich über die Kulturindustrie und die Gesellschaft, aus der heraus sie entstanden und in die sie aufs engste verwoben ist, sagen lässt und wie mit den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen „Schlitten gefahren wird“ (Theodor W. Adorno), um sie noch fester ans gesellschaftliche Ganze zu binden.

Der Text stammt im Wesentlichen aus dem Ankündigungstext des Anfang April gehaltenen Vortrags von Lars Quadfasel zur Einführung in die Kritik der Kulturindustrie, der als Teil dieser Vortragsreihe betrachtet werden kann. Der Vortrag kann hier angehört und runtergeladen werden. Dies ist aber keine notwendige Voraussetzung für die Teilnahme an dieser Veranstaltung.

Andrea zur Nieden
GeBorgte Identität. Star Trek als kulturindustrielle Selbstversicherung des technisierten Subjekts
14-16 Uhr.

Unendliche Weiten… Diesen Satz kennen alle, die das tägliche Ritual lieben, sich von der heimischen Röhre dorthin beamen zu lassen, wo alles anders scheint. Doch, und das wissen sie insgeheim, dort draußen findet sich nichts, was nicht als Fortschreibung des Hier und Jetzt die aktuellen individuellen Ängste und gesellschaftlichen Befindlichkeiten reproduziert. Andrea zur Nieden begreift daher Star Trek, die weltweit erfolgreichste Science-Fiction-Fernsehserie, als kulturindustriellen Versuch der Selbstversicherung des technisierten Subjekts.
Denn treibt das bürgerliche Subjekt schon von je her zum Cyborg, zum reinen Humankapital, dass direkt an die Maschinerie angeschlossen werden kann, so versucht es doch gleichzeitig, sich als Mensch, als einzigartiges Individuum zu behaupten. Erst recht angesichts der zunehmenden Biotechnologisierung des Menschen, die ihn als kybernetisches Informationssystem, als Produkt seiner Gene und seines computerähnlichen Gehirns begreift, wird die Grenze zwischen Menschen und Maschinen immer fragwürdiger. Auch in Star Trek ist spätestens seit der „Next Generation“ die Krankenstation ein medizinisches High-Tech-Labor, in dem Körper und Geist bis in kleinste Bestandteile („genetische“ und „digitale“ Information) sichtbar gemacht, analysiert und reprogrammiert werden können. Trotzdem gilt „der Mensch“ als etwas Einzigartiges, das von Maschinen und (Cy)borgs zu unterscheiden sei. Im Vortrag soll erläutert werden, wie die Angst vor der eigenen Maschinisierung über eine willkürliche Trennung in feindliche böse Cyborgs – die Borg – und die eigene, ungefährliche Integration von Technik in den Körper abgearbeitet wird.

Andrea zur Nieden lebt in Freiburg und Düsseldorf und ist Autorin des gleichnamigen Buches. Seither beschäftigt sie sich mit dem Verhältnis von Subjektivität und verschiedenen Feldern der gegenwärtigen Medizin, von prophylaktischen Gentests bis zur Psychiatrie.

Melanie Babenhauserheide
Harry Potters Lehrer Gilderoy Lockhart als Hochstapler in Verteidigung gegen die dunklen Künste der Schönheit und der Kulturindustrie.
16-18 Uhr.

„‘My dear boy,‘ said Lockhart., straightening up and frowning at Harry. ‚Do use your common sense. My books wouldn‘t have sold half as well if people didn‘t think I‘d done all those things. No one wants to read about some ugly old Armenian warlock, even if he did save a village from werewolves. He‘d look dreadful on the front cover. No dress sense at all. And the witch who banished the Bandon Banshee had a hare lip. I mean, come on…‘”
(J.K. Rowling: Harry Potter and Chamber of Secrets)

Der berühmte und attraktive Schriftsteller von Erlebnisberichten und Ratgebern, Gilderoy Lockhart, der im zweiten Harry Potter Band das Fach Defence Against the Dark Arts unterrichtet, ist ein schlechter Lehrer im Zauberinternat Hogwarts. Aber er ist konzipiert als ‚Lehrer‘ gegenüber den LeserInnen, als eine Art Medienpädagoge, der Verteidigung gegen die dunklen Künste der Kulturindustrie unterrichtet. Die Figur impliziert nicht nur eine Persiflage auf Menschen, die auf Teufel komm raus in Sendungen wie X-Factor oder Big Brother versuchen ins Rampenlicht zu kommen. Lockhart verkörpert auch die kulturindustrielle Tatsache, „daß die Menschen immerzu betrogen werden“ (Adorno) und die Indifferenz der Kulturindustrie gegenüber dem Individuum, das auf den Konsumenten-Status reduziert wird. Über Lockhart wird die für Medienspektakel typische Verquickung zwischen dem Ernsten und dem Banalen parodiert. Mit dieser Figur wird den LeserInnen das Verschwinden von Zusammenhängen, die Beschädigung von Erfahrungsfähigkeit und Gedächtnis vorgeführt.
Allerdings werden diese kritischen Elemente selber mit kulturindustriellen Mitteln realisiert, die damit hinterrücks dann doch wieder affirmiert werden. Beispielsweise erscheint Harry Potter als Protagonist und Namensgeber der Harry Potter Reihe als Gegenbild zu Lockhart: ehrlich, natürlich, bescheiden, uneitel und heldenhaft. Damit aber schlägt die Kritik darin um, den kulturindustriellen Betrug als inhärente Werbestrategie für Rowlings Romane selber unvermittelt weiterzutreiben, indem sie die Gratifikation bietet, dass die Harry Potter -LeserInnen weniger einfältig erscheinen als die Fans von Lockhart.
Auf der anderen Seite wird das emanzipatorische Potential von Kulturindustrie mit dem kritischen Impetus erstickt, wenn sich die Erzählung gegen Schönheit und Verführung richtet. Die inhärente Aufforderung, sich vom schönen Schein nicht täuschen zu lassen und abgeklärt zu bleiben, negiert auch die Versprechen dieses Scheins.
In diesem Vortrag soll diese Ideologie der Harry Potter Reihe bezüglich Kulturindustrie näher unter die Lupe genommen werden in einem ‚Schulaustausch‘ zwischen der Kritischen Theorie der sogenannten Frankfurter Schule und Hogwarts.

Melanie Babenhauserheide (Universität Bielefeld) promoviert an der Uni Frankfurt/ Main zur Ideologie der Harry Potter Reihe. Ihre theoretischen Schwerpunkte sind die frühe Kritische Theorie und die Freudsche Psychoanalyse. Sie hat zuletzt die Artikel „‚Nicht ohne Sträuben.‘ Libido und Fortpflanzungsfunktion“ in Outside the box und „Einige Pointen ohne Witz. Eine grobe Einführung in die Psychoanalyse“ in der Phase 2 veröffentlicht.

Sonja Witte
Guck Dich glücklich! Der unbewusste Wunsch zwischen Ton und Bild in der Kulturindustrie
20-22 Uhr.

Nicht mehr bloß buchstäblich (Marx), sondern, so Adorno, darüber hinaus metaphorisch sind die Menschen im Spätkapitalismus zu Anhängseln der Maschinen und somit vollends zu ‚bloßen Funktionen des Produktionsapparates‘ geworden: Sie werden total gesteuert – par excellence in der Kulturindustrie. Totale Steuerung, Manipulation der Bedürfnisse, Massenbetrug … so das Urteil über deren Wirkung in der „Dialektik der Aufklärung“ (Adorno/Horkheimer).
Ein allzu apodiktischer Pessimismus sagen die einen, und bestehen im Gegenzug auf der Pluralität und dem performativen Spielraum der ‚Akteure‘ – in dieser Behauptung sehen wiederum andere die ‚bloße Ideologie‘ der Massenkultur am Werke, die die KonsumentInnen zur Unfreiheit, Passivität und Anpassung an den gesellschaftlichen Gesamtapparat verhält. Der Ausgangpunkt des Vortrags ist: Diese Entgegensetzung verpasst den kritischen Gehalt von Adornos Formulierung des Publikums als ‚metaphorischem Anhängsel an die Maschine‘, die auf den Zusammenhang des spezifischen Fetischcharakters kulturindustrieller Waren, den besonderen Bedingungen ideologischer Wirkung in der Kulturindustrie und der Rolle des Unbewussten zielt. Der Vortrag wird diesen Zusammenhang an der Konstellation von bewegten Bildern und Ton im Film an Beispielen skizzieren. Gezeigt werden soll: Kulturindustrie fungiert als Kitt, weil die ideologische Wirkung ihrer Techniken ihr Ziel verfehlt – das Scheitern der ‚Manipulation‘ ist der stärkste Motor ihrer Wirkung.

Sonja Witte, lebt in Bremen, hat dort Kulturwissenschaft, Soziologie und Philosophie studiert, schreibt gerade ihre Dissertation, einer Studie über die Bedeutung des Unbewussten in der Kulturindustrie anhand einer Ideologiekritik psychpanalytischer Filmtheorie. Sie ist in verschiedenen politischen Gruppen assoziiert, u.a. „les madeleines“ und der Redaktion der Zeitschrift „Extrablatt – Aus Gründen gegen fast Alles“, hat als Mitglied der Gruppe kittkritik u.a. den Sammelband „Deutschlandwunder – Wunsch und Wahn in der postnazistischen Kultur“ (Ventil-Verlag 2007) herausgegeben, zuletzt erschien von ihr „Geld gegen Strich – Über die Kunst der Ware, scheinbar keine zu sein“ (in: „Geld“, hrsg.v. Oliver Decker/Christoph Türcke, Psychsozial-Verlag 2011).

Die Reihe wird unterstützt von der Antifa AG der Uni Bielefeld.

Lars Quadfasel. Es wird gesorgt. Zur Kritik der Kulturindustrie

Es wird gesorgt.
Zur Einführung in die Kritik der Kulturindustrie

Vortrag und Diskussion mit Lars Quadfasel.
02.04.2012 / 20:00 Uhr
Extra Blues Bar, Bielefeld

Eine Veranstaltung im Rahmen des Roten Montags.

Ist von Kulturindustrie die Rede, denkt man unweigerlich zunächst an schlechte Fernsehserien, pompöse Kinospektakel oder hirnerweichende Schlagerveranstaltungen. Und sicherlich nicht ganz zu Unrecht. Wäre damit aber die Sache schon erschöpfend erfasst, wären ihre Zumutungen einigermaßen leicht zu ertragen: Man müsste einfach nicht mehr hinhören oder hinschauen. Kulturindustrie, wie Adorno und Horkheimer sie bestimmen, geht stets aufs Ganze. Sie verlötet geistige Freiheit mit ökonomischer Notwendigkeit, Produktion mit Konsumtion und lässt dabei keinen Gegenstand unbearbeitet und keinen Konsumenten unerfasst. Inmitten der entfremdeten Gesellschaft suggeriert sie intime Nähe: Sie versorgt die Subjekte mit jenem Weltbezug, ohne den sie als vereinzelte Einzelne zugrunde gingen. Ihr heimliches Motto – »für jeden wird gesorgt« – ähnelt darum nicht zufällig dem des autoritären Sozialstaats.

Falsch ist daher das verbreitete Vorurteil, Kritik der Kulturindustrie sei das Ressentiment von elitären Bildungsbürgern, die kein Verständnis für die Erholungsbedürfnisse der Massen, gar die ›subversiven Potentiale‹ der Massenkultur zeigten. Es ist vielmehr die Kulturindustrie selber, die den Massen den Spaß nicht gönnt. So, wie sie noch das Ernsteste zum Freizeitvergnügen stempelt, lässt sie umgekehrt Vergnügen nur dort passieren, wo es mit den höheren Weihen des Bildungsauftrags versehen ist. Ihr Terrain ist eben das Mittlere: die Mittelmäßigkeit des Kleinbürgers, in der weder Geist noch Lust zu ihrem Recht kommen.

Falsch ist freilich auch die gängige Assoziation von Kulturindustrie mit den USA. Wenn sich Kulturindustrie überhaupt national eingrenzen ließe, hieße ihr Heimatland Deutschland. Hier entstanden nicht nur die bedeutungsschwangeren UFA-Filme der Weimarer Republik, sondern auch das Bild vom Krieg als Konsumartikel, der »Schlacht als innerem Erlebnis«; hier forderte der Führer den Volksempfänger, während Zarah Leanders Gesang die Sehnsucht nach dem Endsieg begleitete; hier wurden nach 1945 all die politisch inopportun gewordenen völkischen Ideologeme ins Bermudadreieck von Heimatschnulze, Goetheabend, Landserroman und Fußballbund ausgelagert, und hier konnte nach 1968 eine Revolte umstandslos erst in kommunistische Kostümfeste und dann in alternative Kleinkunstproduktion überführt werden; hier schließlich nehmen, während die offiziellen Staatsempfänge keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken, patriotische Spektakel inzwischen die zeitgemäße Form schwarz-rot-geiler Volksbespaßung an. Auch um diesen Zusammenhang von Kulturindustrie und deutscher Ideologie soll es auf der Veranstaltung gehen.

Lars Quadfasel ist assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek und der Gruppe Les Madeleines. Er publiziert in verschiedenen Zeitschriften (konkret, Jungle World, Extrablatt) und Sammelbänden, zuletzt in: Annika Beckmann u.a. (Hg.), Horror als Alltag. Texte zu »Buffy the Vampire Slayer« (Verbrecher Verlag 2010)

Gesellschaftskritik und Psychoanalyse

Gesellschaftskritik und Psychoanalyse

Vortrag und Diskussion mit Dr. phil. Christine Kirchhoff.

26.01.2012 | 19:00 Uhr
Raum D2-152 | Universität Bielefeld
(Der Weg zum Raum wird ausgeschildert sein)

Theodor W. Adorno bezeichnete die Psychoanalyse als die einzige Psychologie, „die im Ernst den subjektiven Bedingungen der objektiven Irrationalität nachforscht“. Im Vortrag soll es darum gehen, diese Feststellung zu entfalten und auf ihre Voraussetzungen und Konsequenzen zu befragen.
Was heißt hier objektiv? Warum ist diese irrational? Was wäre demgegenüber rational? Ist Gesellschaftskritik auf Psychoanalyse verwiesen und warum? Warum ist die Psychoanalyse – zumindest der Möglichkeit nach – eine kritische Theorie? Warum ist es überhaupt wichtig, sich auch mit der individuellen Ver- und Bearbeitung gesellschaftlicher Verhältnisse zu befassen?
Zunächst wird es also mit Marx und kritischer Theorie darum gehen, was unter gesellschaftlicher Objektivität zu verstehen ist (Begriff der Gesellschaft, Verselbständigung, Verkehrung, Wert- und Subjektform).
Ausgehend von diesen Bestimmungen geht es im zweiten Teil des Vortrages um die subjektiven Bedingungen, also um die Psychoanalyse als kritische Theorie des Subjekts, um das Verhältnis von Natur und Kultur im Menschen, um Sexualität und Triebe, die Freudsche Metapsychologie und wiederum darum, was das alles mit Gesellschaftskritik zu tun hat.
(mehr…)

Was noch zu sagen wäre

Anmerkungen zu den Aufrufen gegen die Neonazi-Demonstration in Bielefeld am 24.12.

Wenn heute, am 24.12.2011, Neonazis in Bielefeld gegen das hiesige autonome Zentrum demonstrieren wollen, werden viele Menschen das zu verhindern suchen. Die Hoffnung, dass es gelingen wird, die Pläne der Neonazis zunichte zu machen, ist berechtigt. Bereits im August mussten etwa 150 Neonazis unverrichteter Dinge ihren Heimweg antreten, nachdem ihnen von etwa 500 Gegendemonstrant_innen der Weg blockiert worden war. Viel spricht dafür, dass uns das auch diesmal wieder gelingen wird. Weniger erfreulich hingegen ist, was sich in manchen Aufrufen zu den Gegenaktivitäten lesen lässt, oder vielmehr: was sich gerade nicht lesen lässt. (mehr…)

Feindbild Islam? Vortrag und Diskussion

Feindbild Islam?

Autoritarismen im Islam, Autoritarismen gegen den Islam und das Dilemma kritischer Forschung
Vortrag und Diskussion mit Floris Biskamp.

12.01.2012 / 19:00 Uhr
Bürgerwache (Saal), Bielefeld

Es gibt in Deutschland seit einigen Jahren ein klar erkennbares Ressentiment gegen den Islam und gegen Muslime. Es gibt Parteien, vielgenutzte Internetplattformen und vielverkaufte Bücher, die auf kaum etwas anderem beruhen als auf der Hetze gegen den Islam. Dabei handelt es sich nicht einfach um Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit, sondern um ein spezifisches Feindbild Islam. Der Islam wird als Islam, Muslime werden als Muslime angegriffen. Solches Ressentiment zu benennen und zu kritisieren ist unbedingte Aufgabe einer an Emanzipation orientierten Forschung. Neben diesem Autoritarismus gegen den Islam gibt es aber auch Autoritarismen im Islam. Diese gehen weit über den islamistischen Terrorismus hinaus und betreffen große Teile der islamischen Orthodoxie und des deutschen Verbandsislams. Auch hier ist Kritik notwendig.
(mehr…)

Tagung zur Kritischen Theorie und Emanzipation

„…alles als infam zu empfinden, was das Bestehende ausmacht“ (Leo Löwenthal) – Kritische Theorie und Emanzipation

11.11. und 12.11.2011 Universität Bielefeld

(mehr…)

Imagine there’s no Deutschland

Imagine there's no Deutschland

(mehr…)