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»…die das Glück aller Individuen zum Ziel hat…« – Zum negativen Potential des Glücksbegriffs

MB»…die das Glück aller Individuen zum Ziel hat…«*

Zum negativen Potential des Glücksbegriffs

Drei Vortäge mit Gerhard Stapelfeldt, Magnus Klaue und Simon Duckheim zum Begriff des Glücks, seinem affirmativen Charakter und gesellschaftskritischen Potential

Update: Leider musste Magnus Klaue krankheitsbedingt absagen. Daher verschiebt sich der Zeitplan. Der Vortrag von Magnus Klaue wird zeitnah nachgeholt.

Samstag, 25.01.2014 | ab 14:00 Uhr
Buchhandlung mondo
, Elsa-Brändström-Str. 23, Bielefeld

Glück (14 – 16 Uhr)
Die Geschichte einer Utopie und deren Untergang in der Glücksforschung
Prof. Dr. Gerhardt Stapelfeldt

Die Objektivität des Glücks (fällt leider aus)
Zur Geschichte des bürgerlichen Glücksbegriffs
Magnus Klaue

Auf der Suche nach der versprengten Spur (vorraussichtlich 16 – 18 Uhr)
Glück und Hoffnung bei Theodor W. Adorno
Simon Duckheim

Ankündigungstexte der einzelnen Vorträge


Glück
Die Geschichte einer Utopie und deren Untergang in der Glücksforschung
Prof. Dr. Gerhard Stapelfeldt

An Ideologien, die die bestehenden Verhältnisse verschleiern und dadurch utopisch überschreiten, ist die europäische Gesellschafts- und Philosophie-Geschichte reich: Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit, Wahrheit, das Gute – insbesondere das gute Leben, Liebe als Nächsten- und Feindesliebe, Freiheit, Gottesebenbildlichkeit, Würde, Welt- und Selbsterkenntnis, Vernunft, Humanität, Gleichheit, Brüderlichkeit, allgemeines Interesse allgemeines Wohl, Glück, Schönheit, ewiger Friede. Unter diesen Utopien erscheinen die Vernunft und das Glück als die höchsten, alle anderen Ideen konstituierend. Vernunft erscheint als eine unmittelbar übersinnliche, auf das Denken bezogene, theoretische Idee: dem Idealismus zugehörig. Glück erscheint als eine unmittelbar sinnliche, auf das Somatische und das Gefühl bezogene Idee: dem Materialismus zugehörig.
Die Vernunft ist längst in Verruf geraten und mit ihr die Normen, die sie begründet: Neoliberale verachten sie als eine menschliche Omnipotenzphantasie, die sich längst „blamiert“ habe; das Alltagsbewußtsein weiß von der Vernunft nur als einer disziplinierenden, repressiven Kraft: „Du mußt vernünftig sein!“ Das Glück hingegen ist allgegenwärtig: dutzende von Zeitschriften offerieren Wege zum Glück; eine international vergleichende Glücksforschung, die sich hoher öffentlicher Aufmerksamkeit sicher ist, publiziert regelmäßig, in welchen deutschen Bundesländern, in welchen EU-Mitgliedstaaten die glücklichsten Menschen leben. Glück scheint ein selbst¬verständliches Ziel des individuellen Lebens. Glück ist aber auch ökonomisch relevant: Glückliche leisten mehr, in den Ländern der Glücklichen scheinen Kapital-Investitionen besonders gewinnbringend.
Während längst The End of Reason (Horkheimer) in klassischen Werken dargelegt wurde, ist – analog – die Zerstörung des Glücks kein herausragendes Thema; Freuds Unbehagen in der Kultur enthält eine der wenigen gesellschaftstheoretischen Aufklärungen. Das gegenwärtige „unglückliche Bewußtsein“, durch die neoliberale Glücksforschung als Glück proklamiert, bedarf dagegen der „Entzauberung“: der genetischen Darstellung des Aufstiegs und des Verfalls einer Utopie, die erstmals in der antiken griechischen Philosophie darlegt wurde.


Auf der Suche nach der versprengten Spur
Glück und Hoffnung bei Theodor W. Adorno
Simon Duckheim

Gegen die Verinnerlichung und Privatisierung des Glücks durch die heutige Glücksforschung führt der Vortrag den Glücksbegriff Adornos ins Feld, der ein objektiver und vor allem emphatischer ist und aus solcher Objektivität und Emphase seine gesellschaftskritische Kraft gewinnt. Nicht nur betont er die Notwendigkeit einer vernünftigen Einrichtung der gesellschaftlichen Verhältnisse — als Bedingung der Möglichkeit dauerhaften Glücks der Einzelnen —, sondern er hält zudem an der Idee eines Glücks der gesamten Menschheit fest und somit an einem äußerst utopischen Hoffnungsbegriff. So fern eine solche Utopie angesichts der Realität erscheinen mag, so lassen sich in dieser dennoch Spuren dessen finden, was der emphatische Glücksbegriff impliziert. Der Vortrag erläutert, worin solche Spuren für Adorno bestehen können und in welchem Verhältnis sie zu jenem Begriff stehen.

**MAGNUS KLAUE MUSSTE KRANKHEITSBEDINGT LEIDER ABSAGEN; DER VORTRAG WIRD ABER ZEITNAH NACHGEHOLT**

Die Objektivität des Glücks
Zur Geschichte des bürgerlichen Glücksbegriffs
Magnus Klaue

Glück ist ubiquitär geworden; unzählige Bücher stellen unzähligen Methoden und Technologien vor, wie man glücklich wird, das Glück „erfährt“, es nicht verpaßt oder es gar „lernt“ und andere „lehrt“. An der sogenannten Glücksforschung läßt sich die totale Objektivierung des Subjektiven, die zum von den Menschen bewußtlos aneinander exekutierten Prozeß gewordene Willkür, exemplarisch studieren, zu der alle Wissenschaft unter dem Vorzeichen des postmodernen Positivismus geworden ist. Doch zum durch die Menschen über sich selbst verhängten Schicksalsgesetz vermag das Subjektive nur zu werden, weil es eben bloß subjektiv ist. Das Inkommensurable, die allein in der Reflexion des Subjekts als Erfahrung von dessen Grenze zu sich selbst kommende Objektivität, auf die der Begriff des Glücks zielt, kann nicht Gegenstand einer „Lehre“ sein, wie sie schon die antike Philosophie auszubilden suchte und heute im sich hedonistisch gebenden Lebenskundegschwätz eines Wilhelm Schmid oder Martin Seel fortwest, noch ist Glück lediglich das, was die einzelnen, als Einzelne austauschbaren Subjekte glücklich macht: Eher schon das, was deren Glücklichsein als vermeintlich erfülltes in Frage stellt. Ein triftiger Begriff des Glücks muß daher dessen Verschwisterung mit dem Bewußtsein des Schmerzes und mit der Erinnerung des Leidens, des historischen wie gegenwärtigen, zur Geltung bringen.
Warum die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft hindurch dieses Moment des Glücksbegriffs, das untrennbar ist von dessen somatischen Aspekten und an den Zusammenhang von Sinnlichkeit und Geist gemahnt, stets nur eher am Rande philosophischer Entwürfe erscheint, um sogleich systematisiert und rationalisiert zu werden, und weshalb der Begriff des Glücks als eines Zufallenden, das statt falscher Egalisierung die reale Aufhebung des Privilegs verspricht, gerade in der frühen Entwicklungsgeschichte kritischer Theorie bedeutsam wird, um von deren späteren Sachverwaltern wieder aufgegeben zu werden, soll der Vortrag erklären.

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*»Die kritische Theorie dagegen, die das Glück aller Individuen zum Ziel hat, verträgt sich, anders als die wissenschaftlichen Diener der autoritären Staaten, nicht mit dem Fortbestand des Elends« – Max Horkheimer

Die Wertabspaltungskritik – Ein neuer Versuch einer an Marx orientierten feministischen Theoriebildung

MBDie Wertabspaltungskritik – Ein neuer Versuch einer an Marx orientierten feministischen Theoriebildung

Vortrag und Diskussion mit Roswitha Scholz

09.01.2014 | 20:00 Uhr
Bürgerwache, Bielefeld

Seit geraumer Zeit lässt sich eine Marx-Renaissance beobachten. Nach dem „cultural turn“ der letzten Jahrzehnte treten nun wieder „materielle“ Aspekte in den Vordergrund. Und so fordert Nancy Fraser auch im feministischen Kontext „Frauen denkt ökonomisch“. Ansonsten sind jedoch feministische Konzepte rar, die jenseits traditioneller Marxismen nach dem Zusammenbruch des Ostblocksozialismus und den neuerlichen Krisenentwicklungen im Kapitalismus Neuland betreten.
In dem Referat wird thesenhaft die Wert-Abspaltungstheorie als „Big Theorie“ vorgestellt, die einer neuen Qualität des warenproduzierenden Patriarchats Rechnung tragen und dabei gleichzeitig auch die kulturell-symbolische Ebene berücksichtigen will.

Roswitha Scholz ist Mitglied der Gruppe EXIT!, die u.a. die Zeitschrift
EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft herausgibt.

Vortrag von Lars Quadfasel zu Adornos Lenismismus im Audioarchiv

Den Vortrag über Adornos Leninismus, den Lars Quadfasel im Juli in Bielefeld hielt, kann man jetzt im Audioarchiv nachhören.

Georg Lukács und die Ohnmacht der Arbeiterklasse

MBGeorg Lukács und die Ohnmacht der Arbeiterklasse

Vortrag und Diskussion mit Markus Bitterolf

07.10.2013 | 20:00 Uhr
Extra Blues Bar | Eine Veranstaltung im Rahmen des Roten Montags

Daß „die Weltrevolution um die Ecke ist“, wie sich Leo Löwenthal einmal ausdrückte, blieb nicht nur für viele politisch Linke in den Jahren nach der Oktoberrevolution gewiß. So auch für Georg Lukács. Warum sich allerdings das „Tempo der Entwicklung der Revolution“ verlangsamt hatte und wie diese Erkenntnis mit der „Erkenntnis von Gesellschaft und Geschichte“ zusammenhing, diese Frage wollte Lukács beantworten. Vor dem Hintergrund von „Krieg, Krise und Revolution“ schrieb er acht Aufsätze, die damals einen der radikalsten Versuche bedeuteten, das Revolutionäre an Marx durch Weiterführung der Hegelschen Dialektik wieder aktuell zu machen. Als sie 1923 unter dem Titel Geschichte und Klassenbewußtsein erschienen, war zunächst kaum vorauszusehen, welche Bedeutung diesem Band vergönnt sein sollte. Der wichtigste Essay über Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats orientierte sich an Marx‘ Kritik des Fetischcharakters der Ware und wollte gleichzeitig begründen, warum das Proletariat sich als revolutionäres Subjekt konstituieren müsse. Dem Materialismus, wie ihn Max Horkheimer bestimmte, blieb es überlassen zu fragen, wie die Aktualität der Revolution mit der Erfahrung ihres Scheiterns zusammen hing, wie die Entwicklung in der Sowjetunion zu beurteilen sei und warum sich das Proletariat nicht als Subjekt-Objekt der Geschichte konstituieren wollte, wie es Lukács‘ Theorie darlegte.

Es spricht Markus Bitterolf, Mitherausgeber des Bandes Verdinglichung, Marxismus, Geschichte. Von der Niederlage der Novemberrevolution zur kritischen Theorie (ça ira 2012).

„Wilder Streik – Das ist Revolution“ (abgesagt)

BraegLeider kann die Veranstaltung mit Dieter Braeg nicht stattfinden! Es wird aber eine alternative Veranstaltung für den RoMo-Termin geben. Mehr Infos dazu bald!

„Wilder Streik – Das ist Revolution“

Lesung, Filmvorführung und Diskussion mit Dieter Braeg

07.10.2013 | 20:00 Uhr
Extra Blues Bar | Eine Veranstaltung im Rahmen des Roten Montags

Der Streik der Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss 1973

1973 haben in der damaligen Bundesrepublik fast 300 000 Arbeiterinnen und Arbeiter gestreikt. Ganz ohne Urabstimmung, meist gegen den Willen der Gewerkschaftsführungen. Es gab dabei schmerzliche Niederlagen, wie den Streik bei Ford in Köln. Doch es gab auch ganz ungewöhnliche Erfolge. Dieses Buch erzählt die Geschichte eines Arbeitskampfes, der zu einem solchen Erfolg geführt hat. Es geht um den Streik bei Pierburg in Neuss. Es war der erste Frauenstreik. In ihm standen sich migrantische Arbeiterinnen und deutsche Facharbeiter nicht getrennt gegenüber, sondern handelten gemeinsam. Die Forderungen der Frauen wurden voll durchgesetzt und auch ein Rachefeldzug des Unternehmers vor Gericht scheiterte. Das Buch umfasst Dokumente der damaligen Zeit, die das verständlich machen. Sie zeigen u.a., wie es gelang, sich Rechte zu nehmen, die man eigentlich nicht hat, ohne danach durch die Walze der Repression platt gemacht zu werden. Zudem ist dem Buch eine außergewöhnliche Film-DVD beigelegt, die den damaligen Akteurinnen und Akteuren ein Gesicht gibt und ganz nebenbei den postfaschistischen Geist der Nachkriegsbundesrepublik dokumentiert.

Dieter Braeg, geb. 1940, ist Mitbegründer der WASG in Mönchengladbach, wurde später Mitglied der Partei Die Linke, Mitinitiator der Internetzeitung scharf-links und seit über 50 Jahren Gewerkschaftsmitglied (IG Metall und ver.di). Als Delegierter auf Gewerkschaftstagen der IG Metall setzte er sich insbesondere für die Ablehnung der Atomenergie und für radikale Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich ein. Von 1973 bis 1983 war er als Bildungsobmann der IG Metall ehrenamtlich tätig (Funktionsträgerlehrgänge und Lehrgänge zur Geschichte der Arbeiterbewegung in den IGM Gewerkschaftsschulen Sprockhövel und Lohr).

Adornos Leninismus

Vortrag und Diskussion mit Lars Quadfasel

22.07.2013 | 20:00 Uhr
Bürgerwache (Saal) | Siegfriedplatz, Bielefel

»Sentimental und falsch unmittelbar, eine Mischung von Sozialdemokratie und Anarchismus«, urteilte Adorno einmal über Arbeiten des Institutskollegen Erich Fromm: »Ich würde ihm dringend raten, Lenin zu lesen.« Dessen Staat und Revolution zählte er Walter Benjamin gegenüber »zu dem tiefsten und mächtigsten an politischer Theorie«; und noch 1956 kokettierte er im Gespräch mit Horkheimer mit der Idee eines neuen, »streng leninistischen Manifests«. Diese bolschewistische Emphase, die so gar nicht zum dezidierten Kritiker der sowjetischen »Fronvögte« zu passen scheint, lässt sich leicht als biographisches Kuriosum abtun. Nur steht in Adornos Aufzeichungen und Briefen der Name Lenin gerade nicht für ›Marxismus-Leninismus‹, nicht also für Diamat, Proletkult und den Glauben an ›historische Gesetzmäßigkeiten‹ – sondern, wie in den Debatten der Jahre nach 1917 üblich, für das genau Entgegengesetzte: für den Bruch mit dem sozialdemokratischen Determinismus und für das Misstrauen gegenüber einem sich aus den Verhältnissen naturwüchsig entwickelnden proletarischen Klassenbewusstsein. Seinen programmatischsten Ausdruck findet das in der Kritik an Benjamins Aufsatz über »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit«, in der Adorno, mit Lenin als Gewährsmann, gegen dessen »anarchistische« Züge zu Felde zieht. Was in dieser Kontroverse verhandelt wird, ist alles andere als bloß theoriegeschichtlich von Bedeutung: das Verhältnis von Kunst, Wahrheit und Produktivkraftentwicklung, von Proletariat und Avantgarde. Gelegenheit genug also, über die untergründige Verbindung von Russischer Revolution und Kritischer Theorie zu diskutieren und darüber, wie die intellektuelle Erkenntnis es vermöchte, »den gesellschaftlichen Hebelpunkt zu entdecken und zu nutzen«, um »mit minimaler Kraft die unermessliche Last des Staates zu heben« (Adorno).

Lars Quadfasel ist assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek [http://studienbibliothek.org] und der Gruppe Les Madeleines [http://lesmadeleines.wordpress.com]. Sein Artikel zum Thema erschien in Jungle World 21/2013 [http://jungle-world.com/artikel/2013/21/47771.html].

Eskimo Limon 9 – Lesung in Bielefeld

DiehlEskimo Limon 9

Lesung mit Sarah Diehl

28.05.2013 | 20:00 Uhr
Filmhaus Kino | August-Bebel-Str. 94, Bielefeld

Willkommen in Niederbrechen: Eine jüdische Familie zieht in die hessische Provinz.

Eskimo Limon 9 ist ein Culture-Clash der besonderen Art, bei dem die eine Seite eigentlich nur in Ruhe arbeiten, die andere jedoch um jeden Preis aufarbeiten will. Mutig, blitzgescheit und mit rasantem Witz unterzieht Sarah Diehl die deutsche Gedenkkultur einem radikalen Praxistest, der gleich zwei Vorstellungswelten platzen lässt.

Vor einem frisch verputzten Reihenhaus in einem kleinen hessischen Dorf fährt ein Taxi vor. Auftritt Familie Allon aus Tel Aviv: Vater Chen, Mutter Ziggy und der elfjährige Eran beziehen ihr neues Heim. Während die Allons sich gemütlich einrichten, stellt sich für die alarmierte Dorfgemeinschaft die bange Frage: Wie geht man mit den Neuen um?
Während sich Chen in die Arbeit stürzt und Ziggy versucht, sich mithilfe des altlinken Dorfkauzes Rainer Koffel in der neuen Heimat zurechtzufinden, klärt Eran seine interessierten Mitschüler darüber auf, dass die Eis am Stiel-Filme, anders als von der Dorfjugend vermutet, nicht aus Italien, sondern aus Israel kommen – wo sie Eskimo Limon heißen. Während also kein Mangel an Gesprächsstoff besteht und die Voraussetzungen für eine gelungene Integration eigentlich bestens sind, verspürt die Dorfbevölkerung das zunehmende Bedürfnis, unter Zuhilfenahme der Zugezogenen das Dritte Reich aufzuarbeiten. Dabei tritt in einem Reigen von Missverständnissen die Wahrheit zutage: Die Deutschen wissen zwar vieles über Judenvernichtung – aber kaum etwas über Juden …

Pressestimmen zu Eskimo Limon 9

»Eskimo Limon 9 ist ein bemerkenswertes deutsches Buch über Juden und Israel, glaubhaft erzählt, mit vielen Details der deutsch-jüdischen Begegnungen, über die man in dieser Klarheit selten in einem Buch gelesen hat.«
Jüdische Allgemeine Zeitung

»Mit Eskimo Limon 9 hat Sarah Diehl einen entzückenden, popkulturell versierten Roman über Identitäten und Heimweh geschrieben. Es ist die Geschichte über die Bruchstücke, die man über andere Kulturen weiß, und die Lücken, die bleiben, wenn man versucht, aus diesen Bruchstücken eine Welt zu bauen. Diehl hat diese Bruchstücke, all die Popkulturphänomene, all die Figuren zu einer schlauen und unterhaltsamen Geschichte addiert, denn das ist genau das, was gute Literatur macht.«
Maren Keller, Spiegel Online

Die psychische Attraktivität des Nationalen

Die psychische Attraktivität des Nationalen
Vortrag und Diskussion mit Dr. phil. Dagmar Schediwy

06.12.2012 | 19:00 Uhr
Bürgerwache (Saal) | Siegfriedplatz, Bielefeld

Die psychische Attraktivität des Nationalen
Die Kritik nationalistischer und rechtsextremer Einstellungen beschränkt sich häufig auf eine Analyse ihrer ideologischen Konstrukte. In diesem Vortrag soll jedoch versucht werden, den psychischen Mechanismen, die die Bezugnahme auf die Nation für die Subjekte attraktiv machen, auf die Spur zu kommen. Damit wird an eine Grundfrage kritischer Theorie angeknüpft. Deren Sozialpsychologie war wesentlich davon motiviert, zu ergründen, weshalb das Proletariat in den 30 er Jahren nicht die Revolution organisierte, sondern den Verlockungen des Faschismus erlag. Insbesondere soll auch der Frage nachgegangen werden, welche psychischen Gratifikationen nationale Identifikationen in Zeiten ökonomischen Krisen und Umbrüche bieten. Dabei wird davon ausgegangen, daß die Bezugnahme auf die Nation unabhängig davon, ob sie eine situative oder dauerhafte ist und welche Vorstellungen über die Zusammensetzung des nationalen Kollektivs existieren, bestimmte Bedürfnisse befriedigt, die die neoliberale/spätkapitalistische Gesellschaftsformation unterdrückt.

Dagmar Schediwy, Dr. phil., arbeitet als Psychologin und Autorin in Berlin. Seit 2006 untersucht sie den neuen deutschen Fußballpatriotismus. Daraus ist zum einen eine diskursanalytische Untersuchung zur Printmedienberichterstattung während der WM 2006 entstanden, zum anderen eine qualitativ-empirische Studie, die auf Interviews mit Deutschlandfans während der letzten drei Fußballgroßevents beruht.

They were not silent!

They were not silent!
Die jüdische Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung in den USA und ihr Kampf gegen NS-Faschismus und Holocaust
Vortrag / Filmvorführung / Diskussion mit Martin Schmitt

21.11.2012 | 19:30 Uhr
Hörsaal 13 | Universität Bielefeld

Als Hitler 1933 an die Macht kam, nahm kaum jemand die Gefahren ernst, die vom Antisemitismus der Nazis ausgingen – weder innerhalb noch außerhalb Europas. Anders die stark durch osteuropäische Einwanderer geprägte jüdische Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung in New York City: Mit Demonstrationen und Kundgebungen, Aktionen und Kampagnen wurde versucht, die amerikanische Öffentlichkeit über die Vorgänge in Deutschland zu informieren, gegen die einsetzende antisemitische Ausgrenzung und Verfolgung zu protestieren und insbesondere die amerikanische Arbeiterschaft zur aktiven Unterstützung des antifaschistischen Kampfes zu motivieren. Verschiedene gewerkschaftliche, sozialdemokratische, sozialistische und arbeiterzionistische Gruppierungen schlossen sich daraufhin im „Jewish Labor Comittee” (JLC) zusammen, um eine entschiedene antifaschistische Haltung in die zum Isolationismus neigende amerikanische Arbeiterschaft hineinzutragen. Nach dem Ausbruch des Krieges galt es für das JLC, bedrohten Sozialisten und Gewerkschaftern aus Europa die Flucht in die USA zu ermöglichen. Nur dank umfangreicher Spenden und der beherzten Hilfsbereitschaft der amerikanischen Arbeiterbewegung konnte auf diesem Weg zur Rettung von unzähligen Menschen beigetragen werden. Als schließlich erste Berichte über die systematische Vernichtung von Juden in den von Nazideutschland okkupierten Ländern Osteuropas die USA erreichten, begann das JLC damit, jüdische Partisanen- und Untergrundgruppen in u. a. Polen und der Ukraine mit Geld und Waffen zu unterstützen – so beispielsweise auch im Vorfeld des Aufstandes im Warschauer Ghetto 1943.

Der im Jahr 1998 im Auftrag des Robert F. Wagner Archivs (New York University) produzierte, in Europa unbekannte Dokumentarfilm erzählt eine in deutschen Museen, Schulbüchern und Fernsehsendungen ignorierte Geschichte: Die Geschichte vom aktiven Kampf der jüdischen und amerikanischen Arbeiterbewegung gegen Nazifaschismus und Holocaust. Der Film (30 min, in englischer Sprache) wird erstmals mit deutschen Untertiteln gezeigt.

Einleitender Vortrag und anschließende Diskussion mit Martin Schmitt, Mitherausgeber der Neuedition von Alexander Steins kritischer Analyse des nationalsozialistischen Antisemitismus in »Adolf Hitler, Schüler der ‚Weisen von Zion‘« (ça ira 2011).

Warum können Marxisten nicht lesen?

Warum können Marxisten nicht lesen?
Der Anfang des Marxschen “Kapital” und das Ende des Kapitalismus
Vortrag und Diskussion mit Joachim Bruhn

24.05.2012 | 19:00 Uhr
Hörsaal 13 | Universität Bielefeld

Die Marxisten aller Fraktionen haben es sich darauf versteift, „Das Kapital“ von Marx als alternatives Handbuch der Volkswirtschaftslehre lesen zu wollen und sodann zu ihrem höchst eigenem Nutzen zu bewerben. Am allerliebsten diskutieren sie die Frage, die ihnen die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ pünktlich zu Beginn der neuesten Krise vorgelegt hat: „Hat Marx doch recht?“ Wenn sie derart nachgefragt werden, dann läuft nicht nur Sahra Wagenknecht zu großer Form auf, dann sind sie alle in ihrem Element: dem Rechthaben über die gesellschaftliche Organisation des größtmöglichen Unglücks der größtmöglichen Zahl, und d.h.: dem Wahrsagen einer Vergesellschaftung, die doch an sich die Widervernunft schlechthin darstellt.
Seit Karl Kautsky und Elmar Altvater, seit W. I. Lenin und Michael Heinrich (der sogar das Unmögliche wirklich hat werden lassen, indem er eine „Wissenschaft vom Wert“ verfaßte), gefallen sich die Marxisten als gemeinnützige Interessenvertreter, gar: als Avantgarde einer ominösen „Arbeiterklasse“, wofür sie gerne, als kleine Aufwandsentschädigung, einen gewissen politischen, v.a. aber akademischen Mehrwert einstreichen und sich auf Veranstaltungen von „Marx21“ oder Kongressen wie „Rethinking Marx“ spreizen. Sie peublieren die ideologischen Staatsapparate, gerne auch auf Almosen der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Und sie tun dies, indem sie – was von Friedrich Engels vielleicht noch als müdes Witzchen gemeint war, als er den Proletarier_Innen „Das Kapital“ als die „Bibel der Arbeiterklasse“ verkaufen wollte – als erstes den Untertitel des Marxschen Buches totschlagen, der ja, wie unsachlich, die „Kritik der politischen Ökonomie“ ankündigt. So beugen sie sich über „Das Kapital“ wie die Scholastiker über die Bibel, bewerfen sich mit Zitaten und haben überhaupt ihr grausiges Spaßvergnügen daran, die von Marx intendierte sozialrevolutionäre Kritik zur akademischen Theorie und zur Wissenschaft vom Wert zu verharmlosen, d.h., wie Adorno diesen Unfug nannte, zum Truppenübungsplatz „scharfsinniger Rindviecher“, die darum wetteifern, wie „der Wert“ am pfiffigsten aus „der Arbeit“ abgeleitet werden kann.
Daher greift, lange bevor die Interpretationen in aller, wie immer ganz unschuldiger Originalitätssucht sich überbieten, unter den Marxisten der Analphabetismus um sich: kaum einer, der nicht behauptet, Marx beginne seine „Analyse“ mit der „Elementarform“ der Ware. „Überlesen“ wird so, daß der Materialismus das der „Analyse“ Vorausgesetzte, dessen gesellschaftliche Konstitution, kritisiert, und erst dann der totalitären Entfaltung der Widervernunft hinterherdenkt; „überlesen“ wird außerdem, daß Marx „Das Kapital“ keineswegs mit der Ware anfängt, daß der erste Satz des Buches vielmehr lautet: „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung’, die einzelne Ware als seine Elementarform.“ Indem Marx mit dem Reichtum beginnt, der als das gerade Gegenteil seiner selbst gesellschaftlich zu „erscheinen“ genötigt ist, wird zugleich gezeigt, daß das Ende und die Aufhebung des Kapitals, d.h. seine Wahrheit, kein Gegenstand von Theorie sein, daß es keine Wahrheit über das Kapital geben kann. Es sei denn, die Marxisten verschreiben sich ihrem liebsten Sport, den Karl Kraus einmal so definierte: „Deutsch fühlen, aber nicht können.“

Es spricht Joachim Bruhn (Freiburg), Co-Autor des Buches „Das Konzept Materialismus“ der Initiative Sozialistisches Forum und Mitherausgeber des Bandes „Rote Armee Fiktion“ (Ca ira-Verlag).