Kritik des Antisemitismus

Stephan Grigat führt ein in die Kritik des Antisemitismus. Gehalten am 11.05.2011 in der Universität Bielefeld.

In der akademisch etablierten Forschung wird der Antisemitismus bis heute als Vorurteil verharmlost. Dagegen setzt die Kritische Theorie von Autoren wie Adorno und Horkheimer den Begriff der „antisemitischen Gesellschaft“. Eine Kritik des Antisemitismus beschäftigt sich nicht mit den Juden, dem Judentum oder dem jüdischen Staat, sondern mit dem Bewusstsein und den psychischen Bedürfnissen der Antisemiten. In einer wahnhaften Projektion bekämpfen sie im „jüdischen Prinzip“ und seinen Verkörperungen gesellschaftliche und individuelle Ambivalenzen und Krisenerscheinungen. Einer Kritik des Antisemitismus geht es nicht darum, die Antisemiten zu „verstehen“, sondern um die Verunmöglichung des Antisemitismus. Sie kritisiert die Gesellschaft, aus der heraus der Antisemitismus entsteht, ebenso wie die Subjekte, die sich für Hass und Gewalt gegenüber Juden entscheiden.
Ideologiekritik in der Tradition der Kritischen Theorie kann zeigen, inwiefern der Antisemitismus die Biologisierung und Personalisierung des real Abstrakten kapitalakkumulierender Ökonomie betreibt und inwiefern der Antizionismus eine Art geopolitischer Reproduktion des Antisemitismus darstellt. In den Delegitimierungskampagnen gegen Israel und den Zionismus äußert sich der aktuelle Antisemitismus ebenso wie in den offenen Vernichtungsfantasien und -drohungen, wie sie beispielsweise vom iranischen Regime artikuliert werden.
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Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Wien, Autor von Fetisch und Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus (ça ira 2007), Herausgeber u.a. von Feindaufklärung und Reeducation. Kritische Theorie gegen Postnazismus und Islamismus (ça ira 2006) und Mitherausgeber u.a. von Iran im Weltsystem. Bündnisse des Regimes und Perspektiven der Freiheitsbewegung (Studienverlag 2010).

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