Von der Gretchenfrage zurück zur Michel-Skala

Sonja Witte die Debatte wie normal Deutschland eigentlich sei. Gehalten am 23.05.2011 in der Universität Bielefeld.

Die Frage nach der Normalität Deutschlands ist im Moment Gegenstand einer Diskussion zwischen Antideutschen und Antinationalen. Es geht um die Auseinandersetzung mit der Bedeutung des gegenwärtigen deutschen Nationalismus.
Während von antinationaler Seite der Standpunkt vertreten wird: „[A]uch dieser besondere Nationalcharakter [ist] nur eine identitätsstiftende Rationalisierung des trostlosen Verwertungszwangs, des immer und überall Gleichen.“ (TOP BERLIN · ES GIBT KEIN ENDE DER GESCHICHTE. Gegen die Herrschaft der falschen Freiheit! 17.11.09) –
halten antideutsche Gruppen – wie z.B. die „Initiative gegen jeden Extremismusbegriff“ (Inex, Leipzig) – dagegen, zwar erschwere „die Normalisierung“ deutscher Machtpolitik, in der Nationalismuskritik die Besonderheit deutscher Geschichte, den Nationalsozialismus und die Shoah, mitzudenken, aber dennoch sei mitnichten davon auszugehen, dass Deutschland eine ganz „normale Nation“ sei.
In der radikalen Linken will man also derzeit wissen: Ist Deutschland, weil in der Tat normalisiert, als kapitalistische Nation zu kritisieren oder soll weiterhin die historische Spezifik Gegenstand der Kritik an Deutschland sein?
Bei näherem Hinsehen zeigt sich aber, dass die unterschiedlichen antinationalen und antideutschen Positionen auf gleichen Annahmen und rhetorischen Figuren beruhen und es sich insofern hier um eine Bekenntnisdebatte handelt.
Der Vortrag wird keinen Beitrag zu dieser Debatte liefern, in dem auf die leitende Frage – Wie normal ist Deutschland? – eine Antwort gegeben wird. Gegenstand des Vortrags ist die Frage selbst und davon ausgehend der Versuch, zu entwickeln, was ‚hinter dieser Frage‘ steckt.
Anhand eines Vergleichs methodologischer Voraussetzungen von Theodor W. Adornos „Studien zum Autoritären Charakter“ und Wolfgang Pohrts Untersuchung der deutschen Volksseele um 1989, „Der Weg zur inneren Einheit“, wird der in der gegenwärtigen Erkenntnisdebatte ‚versteckte Sinn‘ herausgearbeitet werden. Es wird gezeigt, dass in der Debatte ein altes Motiv deutscher Vergangenheitsbewältigung, der Nationalsozialismus als ‚Unfall der Geschichte‘, virulent ist.
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Sonja Witte lebt in Bremen und arbeitet zu Postnazismus, Kulturindustrie, psychoanalytischer Kulturtheorie und Kritischer Theorie. Sie ist u.a. in der Gruppe „kittkritik“, bei den „les madeleines“ und in der Redaktion der Zeitschrift „Extrablatt – Aus Gründen gegen fast Alles“ aktiv.

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