Es wird gesorgt.
Zur Einführung in die Kritik der Kulturindustrie

Vortrag und Diskussion mit Lars Quadfasel.
Vortrag vom 02.04.2012
Eine Veranstaltung im Rahmen des Roten Montags.

Ist von Kulturindustrie die Rede, denkt man unweigerlich zunächst an schlechte Fernsehserien, pompöse Kinospektakel oder hirnerweichende Schlagerveranstaltungen. Und sicherlich nicht ganz zu Unrecht. Wäre damit aber die Sache schon erschöpfend erfasst, wären ihre Zumutungen einigermaßen leicht zu ertragen: Man müsste einfach nicht mehr hinhören oder hinschauen. Kulturindustrie, wie Adorno und Horkheimer sie bestimmen, geht stets aufs Ganze. Sie verlötet geistige Freiheit mit ökonomischer Notwendigkeit, Produktion mit Konsumtion und lässt dabei keinen Gegenstand unbearbeitet und keinen Konsumenten unerfasst. Inmitten der entfremdeten Gesellschaft suggeriert sie intime Nähe: Sie versorgt die Subjekte mit jenem Weltbezug, ohne den sie als vereinzelte Einzelne zugrunde gingen. Ihr heimliches Motto – »für jeden wird gesorgt« – ähnelt darum nicht zufällig dem des autoritären Sozialstaats.

Falsch ist daher das verbreitete Vorurteil, Kritik der Kulturindustrie sei das Ressentiment von elitären Bildungsbürgern, die kein Verständnis für die Erholungsbedürfnisse der Massen, gar die ›subversiven Potentiale‹ der Massenkultur zeigten. Es ist vielmehr die Kulturindustrie selber, die den Massen den Spaß nicht gönnt. So, wie sie noch das Ernsteste zum Freizeitvergnügen stempelt, lässt sie umgekehrt Vergnügen nur dort passieren, wo es mit den höheren Weihen des Bildungsauftrags versehen ist. Ihr Terrain ist eben das Mittlere: die Mittelmäßigkeit des Kleinbürgers, in der weder Geist noch Lust zu ihrem Recht kommen.

Falsch ist freilich auch die gängige Assoziation von Kulturindustrie mit den USA. Wenn sich Kulturindustrie überhaupt national eingrenzen ließe, hieße ihr Heimatland Deutschland. Hier entstanden nicht nur die bedeutungsschwangeren UFA-Filme der Weimarer Republik, sondern auch das Bild vom Krieg als Konsumartikel, der »Schlacht als innerem Erlebnis«; hier forderte der Führer den Volksempfänger, während Zarah Leanders Gesang die Sehnsucht nach dem Endsieg begleitete; hier wurden nach 1945 all die politisch inopportun gewordenen völkischen Ideologeme ins Bermudadreieck von Heimatschnulze, Goetheabend, Landserroman und Fußballbund ausgelagert, und hier konnte nach 1968 eine Revolte umstandslos erst in kommunistische Kostümfeste und dann in alternative Kleinkunstproduktion überführt werden; hier schließlich nehmen, während die offiziellen Staatsempfänge keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken, patriotische Spektakel inzwischen die zeitgemäße Form schwarz-rot-geiler Volksbespaßung an. Auch um diesen Zusammenhang von Kulturindustrie und deutscher Ideologie soll es auf der Veranstaltung gehen.

Lars Quadfasel ist assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek und der Gruppe Les Madeleines. Er publiziert in verschiedenen Zeitschriften (konkret, Jungle World, Extrablatt) und Sammelbänden, zuletzt in: Annika Beckmann u.a. (Hg.), Horror als Alltag. Texte zu »Buffy the Vampire Slayer« (Verbrecher Verlag 2010)