»…die das Glück aller Individuen zum Ziel hat…« – Zum negativen Potential des Glücksbegriffs

MB»…die das Glück aller Individuen zum Ziel hat…«*

Zum negativen Potential des Glücksbegriffs

Drei Vortäge mit Gerhard Stapelfeldt, Magnus Klaue und Simon Duckheim zum Begriff des Glücks, seinem affirmativen Charakter und gesellschaftskritischen Potential

Update: Leider musste Magnus Klaue krankheitsbedingt absagen. Daher verschiebt sich der Zeitplan. Der Vortrag von Magnus Klaue wird zeitnah nachgeholt.

Samstag, 25.01.2014 | ab 14:00 Uhr
Buchhandlung mondo
, Elsa-Brändström-Str. 23, Bielefeld

Glück (14 – 16 Uhr)
Die Geschichte einer Utopie und deren Untergang in der Glücksforschung
Prof. Dr. Gerhardt Stapelfeldt

Die Objektivität des Glücks (fällt leider aus)
Zur Geschichte des bürgerlichen Glücksbegriffs
Magnus Klaue

Auf der Suche nach der versprengten Spur (vorraussichtlich 16 – 18 Uhr)
Glück und Hoffnung bei Theodor W. Adorno
Simon Duckheim

Ankündigungstexte der einzelnen Vorträge


Glück
Die Geschichte einer Utopie und deren Untergang in der Glücksforschung
Prof. Dr. Gerhard Stapelfeldt

An Ideologien, die die bestehenden Verhältnisse verschleiern und dadurch utopisch überschreiten, ist die europäische Gesellschafts- und Philosophie-Geschichte reich: Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit, Wahrheit, das Gute – insbesondere das gute Leben, Liebe als Nächsten- und Feindesliebe, Freiheit, Gottesebenbildlichkeit, Würde, Welt- und Selbsterkenntnis, Vernunft, Humanität, Gleichheit, Brüderlichkeit, allgemeines Interesse allgemeines Wohl, Glück, Schönheit, ewiger Friede. Unter diesen Utopien erscheinen die Vernunft und das Glück als die höchsten, alle anderen Ideen konstituierend. Vernunft erscheint als eine unmittelbar übersinnliche, auf das Denken bezogene, theoretische Idee: dem Idealismus zugehörig. Glück erscheint als eine unmittelbar sinnliche, auf das Somatische und das Gefühl bezogene Idee: dem Materialismus zugehörig.
Die Vernunft ist längst in Verruf geraten und mit ihr die Normen, die sie begründet: Neoliberale verachten sie als eine menschliche Omnipotenzphantasie, die sich längst „blamiert“ habe; das Alltagsbewußtsein weiß von der Vernunft nur als einer disziplinierenden, repressiven Kraft: „Du mußt vernünftig sein!“ Das Glück hingegen ist allgegenwärtig: dutzende von Zeitschriften offerieren Wege zum Glück; eine international vergleichende Glücksforschung, die sich hoher öffentlicher Aufmerksamkeit sicher ist, publiziert regelmäßig, in welchen deutschen Bundesländern, in welchen EU-Mitgliedstaaten die glücklichsten Menschen leben. Glück scheint ein selbst¬verständliches Ziel des individuellen Lebens. Glück ist aber auch ökonomisch relevant: Glückliche leisten mehr, in den Ländern der Glücklichen scheinen Kapital-Investitionen besonders gewinnbringend.
Während längst The End of Reason (Horkheimer) in klassischen Werken dargelegt wurde, ist – analog – die Zerstörung des Glücks kein herausragendes Thema; Freuds Unbehagen in der Kultur enthält eine der wenigen gesellschaftstheoretischen Aufklärungen. Das gegenwärtige „unglückliche Bewußtsein“, durch die neoliberale Glücksforschung als Glück proklamiert, bedarf dagegen der „Entzauberung“: der genetischen Darstellung des Aufstiegs und des Verfalls einer Utopie, die erstmals in der antiken griechischen Philosophie darlegt wurde.


Auf der Suche nach der versprengten Spur
Glück und Hoffnung bei Theodor W. Adorno
Simon Duckheim

Gegen die Verinnerlichung und Privatisierung des Glücks durch die heutige Glücksforschung führt der Vortrag den Glücksbegriff Adornos ins Feld, der ein objektiver und vor allem emphatischer ist und aus solcher Objektivität und Emphase seine gesellschaftskritische Kraft gewinnt. Nicht nur betont er die Notwendigkeit einer vernünftigen Einrichtung der gesellschaftlichen Verhältnisse — als Bedingung der Möglichkeit dauerhaften Glücks der Einzelnen —, sondern er hält zudem an der Idee eines Glücks der gesamten Menschheit fest und somit an einem äußerst utopischen Hoffnungsbegriff. So fern eine solche Utopie angesichts der Realität erscheinen mag, so lassen sich in dieser dennoch Spuren dessen finden, was der emphatische Glücksbegriff impliziert. Der Vortrag erläutert, worin solche Spuren für Adorno bestehen können und in welchem Verhältnis sie zu jenem Begriff stehen.

**MAGNUS KLAUE MUSSTE KRANKHEITSBEDINGT LEIDER ABSAGEN; DER VORTRAG WIRD ABER ZEITNAH NACHGEHOLT**

Die Objektivität des Glücks
Zur Geschichte des bürgerlichen Glücksbegriffs
Magnus Klaue

Glück ist ubiquitär geworden; unzählige Bücher stellen unzähligen Methoden und Technologien vor, wie man glücklich wird, das Glück „erfährt“, es nicht verpaßt oder es gar „lernt“ und andere „lehrt“. An der sogenannten Glücksforschung läßt sich die totale Objektivierung des Subjektiven, die zum von den Menschen bewußtlos aneinander exekutierten Prozeß gewordene Willkür, exemplarisch studieren, zu der alle Wissenschaft unter dem Vorzeichen des postmodernen Positivismus geworden ist. Doch zum durch die Menschen über sich selbst verhängten Schicksalsgesetz vermag das Subjektive nur zu werden, weil es eben bloß subjektiv ist. Das Inkommensurable, die allein in der Reflexion des Subjekts als Erfahrung von dessen Grenze zu sich selbst kommende Objektivität, auf die der Begriff des Glücks zielt, kann nicht Gegenstand einer „Lehre“ sein, wie sie schon die antike Philosophie auszubilden suchte und heute im sich hedonistisch gebenden Lebenskundegschwätz eines Wilhelm Schmid oder Martin Seel fortwest, noch ist Glück lediglich das, was die einzelnen, als Einzelne austauschbaren Subjekte glücklich macht: Eher schon das, was deren Glücklichsein als vermeintlich erfülltes in Frage stellt. Ein triftiger Begriff des Glücks muß daher dessen Verschwisterung mit dem Bewußtsein des Schmerzes und mit der Erinnerung des Leidens, des historischen wie gegenwärtigen, zur Geltung bringen.
Warum die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft hindurch dieses Moment des Glücksbegriffs, das untrennbar ist von dessen somatischen Aspekten und an den Zusammenhang von Sinnlichkeit und Geist gemahnt, stets nur eher am Rande philosophischer Entwürfe erscheint, um sogleich systematisiert und rationalisiert zu werden, und weshalb der Begriff des Glücks als eines Zufallenden, das statt falscher Egalisierung die reale Aufhebung des Privilegs verspricht, gerade in der frühen Entwicklungsgeschichte kritischer Theorie bedeutsam wird, um von deren späteren Sachverwaltern wieder aufgegeben zu werden, soll der Vortrag erklären.

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*»Die kritische Theorie dagegen, die das Glück aller Individuen zum Ziel hat, verträgt sich, anders als die wissenschaftlichen Diener der autoritären Staaten, nicht mit dem Fortbestand des Elends« – Max Horkheimer


1 Antwort auf „»…die das Glück aller Individuen zum Ziel hat…« – Zum negativen Potential des Glücksbegriffs“


  1. 1 Laura 14. Februar 2014 um 12:49 Uhr

    .. interessant wird es dann, wenn sich Ökonomen (nicht Psychologen) der Glücksforschung annehmen, wie z.B. Bruno S. Frey oder Richard Layard. Sind zwei sehr empfehlenswerte Autoren …

    Laura

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