Kritik der Kulturindustrie

Kritik der Kulturindustrie, 5.5.2012

Kritik der Kulturindustrie

Samstag, 05.05.2012

AlarmTheater
Gustav-Adolf-Straße 17
33615 Bielefeld

Andrea zur Nieden (14-16 Uhr)
GeBorgte Identität. Star Trek als kulturindustrielle Selbstversicherung des technisierten Subjekts

Melanie Babenhauserheide (16-18 Uhr)
Harry Potters Lehrer Gilderoy Lockhart als Hochstapler in Verteidigung gegen die dunklen Künste der Schönheit und der Kulturindustrie.

Sonja Witte (20-22 Uhr)
Guck Dich glücklich! Der unbewusste Wunsch zwischen Ton und Bild in der Kulturindustrie

Zur Kritik der Kulturindustrie

„So daß man einfach versucht, zunächst einmal überhaupt das Bewußtsein davon zu erwecken, daß die Menschen immerzu betrogen werden […].“ (Theodor W. Adorno)

Ist von Kulturindustrie die Rede, denkt man unweigerlich zunächst an schlechte Fernsehserien, pompöse Kinospektakel oder hirnerweichende Schlagerveranstaltungen. Und sicherlich nicht ganz zu Unrecht. Wäre damit aber die Sache schon erschöpfend erfasst, wären ihre Zumutungen einigermaßen leicht zu ertragen: Man müsste einfach nicht mehr hinhören oder hinschauen. Aber Kulturindustrie, wie Adorno und Horkheimer sie bestimmen, geht stets aufs Ganze. Sie verlötet geistige Freiheit mit ökonomischer Notwendigkeit, Produktion mit Konsumtion und lässt dabei keinen Gegenstand unbearbeitet und keinen Konsumenten unerfasst. Inmitten der entfremdeten Gesellschaft suggeriert sie intime Nähe: Sie versorgt die Subjekte mit jenem Weltbezug, ohne den sie als vereinzelte Einzelne zugrunde gingen. Ihr heimliches Motto – »für jeden wird gesorgt« – ähnelt darum nicht zufällig dem des autoritären Sozialstaats.
Falsch ist daher das verbreitete Vorurteil, Kritik der Kulturindustrie sei das Ressentiment von elitären Bildungsbürgern, die kein Verständnis für die Erholungsbedürfnisse der Massen, gar die ›subversiven Potentiale‹ der Massenkultur zeigten. Es ist vielmehr die Kulturindustrie selber, die den Massen den Spaß nicht gönnt. So, wie sie noch das Ernsteste zum Freizeitvergnügen stempelt, lässt sie umgekehrt Vergnügen nur dort passieren, wo es mit den höheren Weihen des Bildungsauftrags versehen ist. Ihr Terrain ist eben das Mittlere: die Mittelmäßigkeit des Kleinbürgers, in der weder Geist noch Lust zu ihrem Recht kommen.
Anhand von drei Vorträgen soll die Kritik der Kulturindustrie nachvollzogen und zur Diskussion gestellt werden. An konkreten Beispielen wird gezeigt, was sich über die Kulturindustrie und die Gesellschaft, aus der heraus sie entstanden und in die sie aufs engste verwoben ist, sagen lässt und wie mit den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen „Schlitten gefahren wird“ (Theodor W. Adorno), um sie noch fester ans gesellschaftliche Ganze zu binden.

Der Text stammt im Wesentlichen aus dem Ankündigungstext des Anfang April gehaltenen Vortrags von Lars Quadfasel zur Einführung in die Kritik der Kulturindustrie, der als Teil dieser Vortragsreihe betrachtet werden kann. Der Vortrag kann hier angehört und runtergeladen werden. Dies ist aber keine notwendige Voraussetzung für die Teilnahme an dieser Veranstaltung.

Andrea zur Nieden
GeBorgte Identität. Star Trek als kulturindustrielle Selbstversicherung des technisierten Subjekts
14-16 Uhr.

Unendliche Weiten… Diesen Satz kennen alle, die das tägliche Ritual lieben, sich von der heimischen Röhre dorthin beamen zu lassen, wo alles anders scheint. Doch, und das wissen sie insgeheim, dort draußen findet sich nichts, was nicht als Fortschreibung des Hier und Jetzt die aktuellen individuellen Ängste und gesellschaftlichen Befindlichkeiten reproduziert. Andrea zur Nieden begreift daher Star Trek, die weltweit erfolgreichste Science-Fiction-Fernsehserie, als kulturindustriellen Versuch der Selbstversicherung des technisierten Subjekts.
Denn treibt das bürgerliche Subjekt schon von je her zum Cyborg, zum reinen Humankapital, dass direkt an die Maschinerie angeschlossen werden kann, so versucht es doch gleichzeitig, sich als Mensch, als einzigartiges Individuum zu behaupten. Erst recht angesichts der zunehmenden Biotechnologisierung des Menschen, die ihn als kybernetisches Informationssystem, als Produkt seiner Gene und seines computerähnlichen Gehirns begreift, wird die Grenze zwischen Menschen und Maschinen immer fragwürdiger. Auch in Star Trek ist spätestens seit der „Next Generation“ die Krankenstation ein medizinisches High-Tech-Labor, in dem Körper und Geist bis in kleinste Bestandteile („genetische“ und „digitale“ Information) sichtbar gemacht, analysiert und reprogrammiert werden können. Trotzdem gilt „der Mensch“ als etwas Einzigartiges, das von Maschinen und (Cy)borgs zu unterscheiden sei. Im Vortrag soll erläutert werden, wie die Angst vor der eigenen Maschinisierung über eine willkürliche Trennung in feindliche böse Cyborgs – die Borg – und die eigene, ungefährliche Integration von Technik in den Körper abgearbeitet wird.

Andrea zur Nieden lebt in Freiburg und Düsseldorf und ist Autorin des gleichnamigen Buches. Seither beschäftigt sie sich mit dem Verhältnis von Subjektivität und verschiedenen Feldern der gegenwärtigen Medizin, von prophylaktischen Gentests bis zur Psychiatrie.

Melanie Babenhauserheide
Harry Potters Lehrer Gilderoy Lockhart als Hochstapler in Verteidigung gegen die dunklen Künste der Schönheit und der Kulturindustrie.
16-18 Uhr.

„‘My dear boy,‘ said Lockhart., straightening up and frowning at Harry. ‚Do use your common sense. My books wouldn‘t have sold half as well if people didn‘t think I‘d done all those things. No one wants to read about some ugly old Armenian warlock, even if he did save a village from werewolves. He‘d look dreadful on the front cover. No dress sense at all. And the witch who banished the Bandon Banshee had a hare lip. I mean, come on…‘”
(J.K. Rowling: Harry Potter and Chamber of Secrets)

Der berühmte und attraktive Schriftsteller von Erlebnisberichten und Ratgebern, Gilderoy Lockhart, der im zweiten Harry Potter Band das Fach Defence Against the Dark Arts unterrichtet, ist ein schlechter Lehrer im Zauberinternat Hogwarts. Aber er ist konzipiert als ‚Lehrer‘ gegenüber den LeserInnen, als eine Art Medienpädagoge, der Verteidigung gegen die dunklen Künste der Kulturindustrie unterrichtet. Die Figur impliziert nicht nur eine Persiflage auf Menschen, die auf Teufel komm raus in Sendungen wie X-Factor oder Big Brother versuchen ins Rampenlicht zu kommen. Lockhart verkörpert auch die kulturindustrielle Tatsache, „daß die Menschen immerzu betrogen werden“ (Adorno) und die Indifferenz der Kulturindustrie gegenüber dem Individuum, das auf den Konsumenten-Status reduziert wird. Über Lockhart wird die für Medienspektakel typische Verquickung zwischen dem Ernsten und dem Banalen parodiert. Mit dieser Figur wird den LeserInnen das Verschwinden von Zusammenhängen, die Beschädigung von Erfahrungsfähigkeit und Gedächtnis vorgeführt.
Allerdings werden diese kritischen Elemente selber mit kulturindustriellen Mitteln realisiert, die damit hinterrücks dann doch wieder affirmiert werden. Beispielsweise erscheint Harry Potter als Protagonist und Namensgeber der Harry Potter Reihe als Gegenbild zu Lockhart: ehrlich, natürlich, bescheiden, uneitel und heldenhaft. Damit aber schlägt die Kritik darin um, den kulturindustriellen Betrug als inhärente Werbestrategie für Rowlings Romane selber unvermittelt weiterzutreiben, indem sie die Gratifikation bietet, dass die Harry Potter -LeserInnen weniger einfältig erscheinen als die Fans von Lockhart.
Auf der anderen Seite wird das emanzipatorische Potential von Kulturindustrie mit dem kritischen Impetus erstickt, wenn sich die Erzählung gegen Schönheit und Verführung richtet. Die inhärente Aufforderung, sich vom schönen Schein nicht täuschen zu lassen und abgeklärt zu bleiben, negiert auch die Versprechen dieses Scheins.
In diesem Vortrag soll diese Ideologie der Harry Potter Reihe bezüglich Kulturindustrie näher unter die Lupe genommen werden in einem ‚Schulaustausch‘ zwischen der Kritischen Theorie der sogenannten Frankfurter Schule und Hogwarts.

Melanie Babenhauserheide (Universität Bielefeld) promoviert an der Uni Frankfurt/ Main zur Ideologie der Harry Potter Reihe. Ihre theoretischen Schwerpunkte sind die frühe Kritische Theorie und die Freudsche Psychoanalyse. Sie hat zuletzt die Artikel „‚Nicht ohne Sträuben.‘ Libido und Fortpflanzungsfunktion“ in Outside the box und „Einige Pointen ohne Witz. Eine grobe Einführung in die Psychoanalyse“ in der Phase 2 veröffentlicht.

Sonja Witte
Guck Dich glücklich! Der unbewusste Wunsch zwischen Ton und Bild in der Kulturindustrie
20-22 Uhr.

Nicht mehr bloß buchstäblich (Marx), sondern, so Adorno, darüber hinaus metaphorisch sind die Menschen im Spätkapitalismus zu Anhängseln der Maschinen und somit vollends zu ‚bloßen Funktionen des Produktionsapparates‘ geworden: Sie werden total gesteuert – par excellence in der Kulturindustrie. Totale Steuerung, Manipulation der Bedürfnisse, Massenbetrug … so das Urteil über deren Wirkung in der „Dialektik der Aufklärung“ (Adorno/Horkheimer).
Ein allzu apodiktischer Pessimismus sagen die einen, und bestehen im Gegenzug auf der Pluralität und dem performativen Spielraum der ‚Akteure‘ – in dieser Behauptung sehen wiederum andere die ‚bloße Ideologie‘ der Massenkultur am Werke, die die KonsumentInnen zur Unfreiheit, Passivität und Anpassung an den gesellschaftlichen Gesamtapparat verhält. Der Ausgangpunkt des Vortrags ist: Diese Entgegensetzung verpasst den kritischen Gehalt von Adornos Formulierung des Publikums als ‚metaphorischem Anhängsel an die Maschine‘, die auf den Zusammenhang des spezifischen Fetischcharakters kulturindustrieller Waren, den besonderen Bedingungen ideologischer Wirkung in der Kulturindustrie und der Rolle des Unbewussten zielt. Der Vortrag wird diesen Zusammenhang an der Konstellation von bewegten Bildern und Ton im Film an Beispielen skizzieren. Gezeigt werden soll: Kulturindustrie fungiert als Kitt, weil die ideologische Wirkung ihrer Techniken ihr Ziel verfehlt – das Scheitern der ‚Manipulation‘ ist der stärkste Motor ihrer Wirkung.

Sonja Witte, lebt in Bremen, hat dort Kulturwissenschaft, Soziologie und Philosophie studiert, schreibt gerade ihre Dissertation, einer Studie über die Bedeutung des Unbewussten in der Kulturindustrie anhand einer Ideologiekritik psychpanalytischer Filmtheorie. Sie ist in verschiedenen politischen Gruppen assoziiert, u.a. „les madeleines“ und der Redaktion der Zeitschrift „Extrablatt – Aus Gründen gegen fast Alles“, hat als Mitglied der Gruppe kittkritik u.a. den Sammelband „Deutschlandwunder – Wunsch und Wahn in der postnazistischen Kultur“ (Ventil-Verlag 2007) herausgegeben, zuletzt erschien von ihr „Geld gegen Strich – Über die Kunst der Ware, scheinbar keine zu sein“ (in: „Geld“, hrsg.v. Oliver Decker/Christoph Türcke, Psychsozial-Verlag 2011).

Die Reihe wird unterstützt von der Antifa AG der Uni Bielefeld.


1 Antwort auf „Kritik der Kulturindustrie“


  1. 1 Kritik der Kulturindustrie « antifa ag an der uni bielefeld Pingback am 21. April 2012 um 19:30 Uhr
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